von Barbara Schäfer-Wiegand
WER LÖST DEN GORDISCHEN KNOTEN?
Über den Umgang mit Pädophilie und die Weiterentwicklung des Kinderschutzes
Es kann davon ausgegangen werden, dass bis zu 50 % aller verurteilten Sexualstraftaten gegen Kinder von Tätern begangen werden, die eine pädophile Neigung aufweisen (vgl. Seto 2008). Die übrigen 50 % verurteilten Sexualstraftaten gehen zu Lasten von sogenannten Ersatztätern oder opportunistischen Gelegenheitstätern. Diesem "Hellfeld" der Täter steht ein "Dunkelfeld" von Tätern gegenüber, das mindestens sechsmal so groß ist. Einer repräsentativen Studie in Deutschland (Wetzels 1997) zufolge werden ca. 9 % der Mädchen und 3 % der Jungen bis zu ihrem 16. Lebensjahr Opfer erzwungener sexueller Handlungen mit Körperkontakt durch einen erwachsenen Täter. Diese begehen ihre Taten in der Regel also unerkannt und nicht verurteilt, vor allem im familiären und sozialen Nahraum der Kinder. Alle Täter, die verurteilten sowie die nicht verurteilten, erst recht die potentiellen Täter sind sexualmedizinisch behandlungsbedürftig. Der bessere Schutz von Kindern könnte allein schon durch verbesserte präventive Behandlung Pädophiler erreicht werden. Doch wie ist es um diese präventive Behandlung bestellt?
Zunächst: Pädophilie ist eine sexuelle Orientierung, die sich wie auch alle anderen sexuellen Orientierungen in der Pubertät eines Menschen erstmals manifestiert und lebenslang erhalten bleibt. Nach ernstzunehmenden neuesten Einschätzungen der Forschung leben in Deutschland bis zu 250 000 Männer mit pädophiler Neigung (Ergebnisse der "Berliner Männer Studie"; vgl. Beier et al. 2006; Ahlers et al. 2009). Sie sind ebenso wie die nicht pädophilen potentiellen und realen Täter im Dunkelfeld ein großes Gefahrenpotential für Kinder. Diese Pädophilen sind chronisch gestört, also chronisch krank, und benötigen eine komplexe präventive Behandlung aus Psychotherapie, Verhaltenstraining, sexualmedizinischer Behandlung (einschließlich Medikamente zur sexuellen Impulsdämpfung) und sozialer Beratung (einschließlich Einbeziehung von Angehörigen), damit sie Gefahrenbewusstsein für sich selbst erwerben und Kindern nicht gefährlich werden. Wenn es auch nur zu einem gewissen Prozentsatz gelingen würde, diese potentiellen Täter im Dunkelfeld präventiv zu behandeln, wäre für den Kinderschutz in unserem Land mehr getan als viele gut gemeinte und wichtige Kinderschutzprojekte je bewirken können.
Nicht alle pädophil veranlagten Menschen werden in der Realität zu Tätern, missbrauchen Kinder. Viele nutzen aber Missbrauchsabbildungen im Internet (verharmlosend als "Kinderpornografie" bezeichnet) im Internet, um ihre Neigungen zu befriedigen, in der irrigen Meinung, dies "schade keinem Kind". Wir wissen aber, dass hinter kinderpornographischen Darstellungen in der Regel ein Gewaltakt an einem Kind steckt, von gewissenlosen Geschäftemachern mit oder ohne pädophile Neigung verübt, gefilmt und weltweit über das Internet verkauft und verbreitet. Die Selbsttäuschung, das mangelnde Unrechtsbewusstsein Pädophiler ist kennzeichnend für ihre Neigung. Besitz, Erwerb und Verbreitung dieser Missbrauchsabbildungen stehen in Deutschland wie in vielen weiteren Ländern unter Strafe. Immer häufiger enttarnt die Kriminalpolizei einzelne Täter und Tätergruppen bei der Nutzung von Kinderpornographie, Täter, die allen gesellschaftlichen Einkommens- und Bildungsschichten angehören, darunter also beispielsweise auch Ärzte, Richter, Oberbürgermeister, Pfarrer, Abgeordnete usw. (vgl. "Aktion Himmel", Tausende User aufgedeckt). Die Folge ihrer Aufdeckung ist ihre gesellschaftliche Ausgrenzung, moralische, soziale und rechtliche Verurteilung. Die Folgen für Familienangehörige sind entsprechend. Das gesellschaftliche Tabu Pädophilie wirkt. Es wäre besser, im Vorfeld von Verfolgung, Kriminalisierung und Bestrafung, von viel menschlichem Leid und schwierigem gesellschaftlichen Miteinander die Realität zu sehen, primäre Hilfe anzubieten und nicht allein Verurteilung im Ernstfall. Die Erfolgsaussichten einer Therapie von verurteilten Sexualstraftätern in der Haft oder nach ihrer Entlassung sind deutlich geringer als in der Gruppe der potentiellen Täter im Dunkelfeld – also jener Männer mit pädophiler Neigung, die noch keinen Übergriff begangen haben und auch noch keine Missbrauchsabbildungen genutzt haben.
Was eine sexualmedizinische präventive Behandlung ausmacht, wie vor allem das Dunkelfeld der Pädophilie erhellt werden könnte, untersucht und erprobt seit 2006 ein Forschungsprojekt des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin der Charité Berlin unter Leitung des Sexualwissenschaftlers Prof. Klaus Beier, das sog. Präventionsprojekt Dunkelfeld (PPD). Dies ist weltweit das erste Projekt mit dieser Thematik, das auf internationaler Ebene in der wissenschaftlichen Fachwelt große Beachtung findet. Reine Psychotherapie ist ohne sexualmedizinische medikamentöse Begleitbehandlung unzulänglich. Eine rein sexualmedizinische Behandlung ohne Psychotherapie ist ebenso unzulänglich. Erfolgversprechend ist dagegen eine Komplexbehandlung aus sexualmedizinischer Diagnostik zur adäquaten Feststellung der Präferenzstörung, Psychotherapie, Verhaltenstraining, Einbeziehung von Angehörigen, Nutzung von Medikamenten zur sexuellen Impulsdämpfung und sozialer Beratung. Um eine solche bisher nicht existierende Versorgungsstruktur möglichst rasch flächendeckend in der Bundesrepublik zu etablieren, sollte neben den bestehenden Anlaufstellen an der Charité (PPD, Prof. Beier) in Berlin und seit März 2009 an der Sexualmedizinischen Sektion der Universität Kiel (Prof. Hartmut Bosinski) allen deutschen Bundesländern je eine ähnliche Anlaufstelle für Menschen mit schweren sexuellen Störungen eingerichtet werden. Aktuell hat der Freistaat Bayern Mittel (Justizministerium) für eine solche Einrichtung in Bayern bewilligt, auch der Freistaat Sachsen hat eine entsprechende Entscheidung getroffen (Kostenträger dort: Sozialministerium). Baden-Württemberg verhält sich abwartend. Die Einrichtung von Anlaufstellen war auch Thema des Runden Tisches in Berlin aufgrund der Diskussionen um den sexuellen Missbrauch an Kindern im Frühjahr 2010. Prof. Beier befürwortet zusätzlich die Einrichtung einer länderübergreifenden Koordinierungsstelle (Antrag an Frau Bundesforschungsministerin Dr. Schavan läuft), die u.a. die Umsetzung des PPD in der Fläche begleiten müsste (u.a. durch die sexualmedizinische Weiterbildung von Ärzten und Psychotherapeuten).
Denn es gibt einige Probleme: Deutschland ist zwar das Ursprungsland der Sexualwissenschaft. Doch wo sind die Sexualmediziner und die Sexualpsychologen? Wo ist die Anerkennung der Sexualwissenschaft und der Sexualmedizin durch diejenigen, die dafür Verantwortung tragen, durch die Medizinischen Fakultäten unserer Universitäten? Für manche Studenten der Psychologie und der Rechtswissenschaften ist die Sexualwissenschaft Wahlpflichtfach, selten jedoch für Studierende der Medizin. Sollten nicht alle Ärztinnen und Ärzte ausreichende Kenntnisse über die menschliche Sexualität und ihre teilweise hochgefährlichen Störungen erhalten? Wo sind die Weiterbildungsangebote der Landesärztekammern in Sexualmedizin? Wo sind die Anlaufstellen für Menschen mit derart schwierigen sexuellen Problemen, wo finden sie wirksame medizinische Hilfe, soziale Beratung?
Die niedergelassenen Psychotherapeuten können diese Hilfe ohne eine komplexe, auch gruppentherapeutische Behandlung nicht garantieren. Jugendliche und Erwachsene mit potentiell schädlichen sexuellen Neigungen, bereit, sich behandeln zu lassen, irren nicht selten nach eigener Aussage wegen mangelnder Behandlung unbetreut umher. (Anmerkung: Die Landesärztekammer Berlin hat inzwischen die Sexualmedizin in ihre Weiterbildungsordnung integriert) Andererseits haben niedergelassene Psychotherapeuten im Bereich der Nachbetreuung und Kontrolle dieser Patienten bei entsprechender Weiterbildung durchaus ihre Aufgabe.
Und warum sollten Medizinstudierende das Fach Sexualmedizin wählen, wenn es nicht ausreichend im Gesundheitssystem etabliert ist, warum Ärzte und Psychologen Zusatzqualifizierungen auf sich nehmen, wenn die erbrachten Leistungen von den Krankenkassen nicht adäquat vergütet werden? Wo ist die Fallpauschale für die präventive Versorgung von Patienten mit gemeingefährlichen Sexualstörungen? Die Leistungen der GKV sind bezogen auf das PPD für diese Behandlung unzureichend.
Im Interesse des Kinderschutzes können wir es uns nicht länger leisten, die Augen vor der Realität zu verschließen und tatenlos zu bleiben. Die nicht entdeckten Hunderte von sexuellen Übergriffen auf Kinder, die alltäglich im familiären und sozialen Umfeld begangen werden (alle 30 Minuten wird in Deutschland ein Kind sexuell missbraucht), oft mit schrecklichen, nie therapierten Folgen für die Seele und die Entwicklung des einzelnen Kindes bis in sein Erwachsenenalter, sollten uns nicht ruhen lassen. Hier ist ein Feld, das Feld der Primärprävention, auf dem konkret präferenzgestörten Männern (und damit potentiellen Tätern) vorbeugende Hilfe angeboten werden könnte, Übergriffe an Kindern vermindert werden könnten, wenn die Verantwortlichen in Politik, Wissenschaft, gesellschaftlichen Institutionen, berufsständischen Organisationen und Sozialversicherung es nur wollten. Aufklärung der Eltern, sozialpädagogische Konzepte zur Stärkung von Kindern durch Kinderschutzarbeit allein können dies nicht leisten.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht nicht um die Emanzipation der Pädophilie, sondern um den Kinderschutz. Niemand ist verantwortlich für seine sexuelle Neigung, wohl aber für den Umgang damit. Menschen mit sexuellen Störungen, die anderen - in diesem Fall Kindern - gefährlich werden können, benötigen präventive umfassende sexualmedizinische Hilfestellung, um gerade das leisten zu können: Kein Täter werden.
Barbara Schäfer-Wiegand
ehem. Sozialministerin Baden-Württemberg
Vorsitzende der Stiftung Hänsel + Gretel, Kindesmissbrauch verhindern, helfen
www.haensel-gretel.de
Karlsruhe, Juli 2010
www.kein-taeter-werden.de
Ausgewählte Literatur:
SPENDENKONTO
Bank für Sozialwirtschaft
BLZ 660 205 00
Konto-Nr.: 600