Kinderschutz braucht Impulse
Expertengespräch anlässlich 10 Jahre Stiftung Hänsel + Gretel
Die Stiftung Hänsel + Gretel blickt auf zehn Jahre erfolgreiche Arbeit im Kinderschutz zurück, insbesondere im Bereich der Prävention gegen sexuellen Missbrauch und im Opferschutz. Anlässlich dieses Jubiläums lud der Bevollmächtigte des Landes Baden-Württemberg beim Bund, Minister Prof. Wolfgang Reinhart MdL und die Stiftung Hänsel + Gretel zu einem Expertengespräch am 21. November in die Vertretung des Landes Baden-Württemberg beim Bund ein. Der Veranstaltungsort war gleichsam ein Symbol für den Bogen der Aktivitäten der Stiftung Hänsel + Gretel, die unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Günther H. Oettinger steht, vom Engagement in Baden-Württemberg zu Projekten in ganz Deutschland.
Die Stiftung Hänsel + Gretel hat gemeinsam mit Experten die Entwicklung des Kinderschutzes betrachtet und einen Ausblick auf die Herausforderungen der Zukunft gewagt. Seit 10 Jahren arbeitet die Stiftung unter dem Motto: "Aufklären, Wahrnehmen, Handeln" und fasst so die Aufgaben des Kinderschutzes zusammen. Hänsel + Gretel ist Impulsgeber einer fortdauernden Diskussion um den Kinderschutz und Motor vieler Kinderschutzprojekte in Deutschland.
Moderatorin Juliane Hielscher eröffnete die Runde mit Bundesjustizministerin Brigitte Zypries.
"Erfolgreiche Prävention ist der beste Opferschutz. Deshalb habe ich mich dafür eingesetzt, dass die Finanzierung des Dunkelfeld-Projekts der Charité auch in Zukunft gesichert werden kann. Wirksamer Opferschutz heißt aber auch, kindlichen Opfern in einem Strafverfahren die Aussage so erträglich wie möglich zu machen. Fortbildung und gezielte Information helfen bei Richterinnen und Richtern die Bereitschaft zu fördern, Videovernehmungen öfter einzusetzen. Auf diese Weise kann dem Missbrauchsopfer die erneute Konfrontation mit dem Peiniger erspart werden", sagte Zypries.
Prof. Dr. Dr. Klaus Beier, Direktor des Instituts für Sexualmedizin an der Charité Berlin, dankte für die wichtige Unterstützung des Bundes für dieses Projekt und hoffte hinsichtlich der wissenschaftlichen Bearbeitung des Themas auf die weitere Förderung durch die Volkswagen Stiftung. Zudem plädierte Beier für die Durchsetzung von "Chronikerprogrammen" für Pädophile und forderte parallel einen veränderten kollektiven Umgang mit der pädophilen Neigung: "Wenn Pädophilie nicht mehr - wie bisher - mit sexuellem Kindesmissbrauch gleichgesetzt wird (also zwischen Phantasie und Verhalten unterschieden wird), ist mit einer zunehmenden Inanspruchnahme von professionellen Hilfestellungen durch die Betroffenen zu rechnen. Allerdings muss zur Etablierung dieser "Chronikerprogramme" die Unterstützung der gesellschaftlichen Kräfte aus Politik, Gesundheitssystem (Krankenkassen) sowie Wirtschaft (Pharmaindustrie) und Universitäten (Forschung) vorausgehen. Ein erster wichtiger Schritt ist getan und unser Dank gilt Ihnen, Frau Ministerin Zypries."
Heribert Rech, Innenminister des Landes Baden-Württemberg, sah besonders durch das Internet große Herausforderungen für die Zukunft: "Pädokriminelle haben einen abscheulichen Marktplatz für digitalisierten sexuellen Missbrauch von Kindern geschaffen." Er sagte weiter: "Könnte jedes dieser missbrauchten Kinder beim Klick auf sein Bild schreien, es wäre unerträglich laut im Internet". Der aktuelle Bundestagsbeschluss zur Speicherung von Verbindungsdaten und die Möglichkeit zur Telefonüberwachung bei Kinderpornografiedelikten sei der richtige Schritt, denn er erleichtere die zunehmend schwierige Identifizierung der Täter. Genau wie Peter Vogt, Staatsanwalt aus Halle, forderte Rech eine Harmonisierung des internationalen Rechts.
Bei der aktuell sehr präsenten und begrüßenswerten Diskussion um die "Frühen Hilfen" darf man aber nicht die engagierte Arbeit der kommunalen und freigemeinnützigen Beratungsstellen vergessen, die in der Vergangenheit die tragende Säule des Kinderschutzes waren. Es geht darum, "Frühe Hilfen" mit bestehenden Angeboten zu vernetzen, ausreichende finanzielle Ressourcen für Therapie und soziale Hilfestellung und die Vernetzung für einen lückenlosen Kinderschutz anzubieten, sagt Barbara Schäfer-Wiegand, 1. Vorsitzende Stiftung Hänsel + Gretel.
Dazu gehören nach Ansicht von Dr. Sylvester von Bismarck auch Kinderschutzgruppen oder -ambulanzen in Krankenhäusern. "Leider werden viel zu häufig Anzeichen von Missbrauch und Vernachlässigung entweder nicht erkannt oder nicht weiterverfolgt, weil es an Strukturen fehlt, die sich professionell mit der Abklärung von Verdachtsfällen befassen und dabei die interdisziplinäre Vernetzung innerhalb und mit Fachleuten außerhalb des Krankenhauses nutzen. Ich plädiere daher für die Einrichtung von Kinderschutzgruppen in allen Krankenhäusern - und im Zweifelsfall muss Kinderschutz vor Datenschutz gehen."
Iris Hölling von Wildwasser e.V. Berlin möchte das Thema sexuelle Gewalt verstärkt in der Medienöffentlichkeit sehen, "allerdings unter der Voraussetzung, dass Medien sensibel mit denjenigen umgehen, die sexuelle Gewalt erlebt haben". Es sollten mehr nützliche Informationen vermittelt und über Unterstützungsangebote für Betroffene informiert werden, so Hölling, auch wenn dies keinen Sensationsbericht verspreche. "Der alltäglich vorkommenden sexuellen Gewalt in ganz "normalen" Familien muss gesellschaftspolitisch Rechnung getragen werden. sagt Iris Hölling weiter.
In Ihrem Schlusswort lobte Barbara Schäfer-Wiegand die Entwicklung des Kinderschutzes in Deutschland, vor allem auch den Einsatz und die tägliche Arbeit der vielen Beratungseinrichtungen und Initiativen. Diese Entwicklung ist auch der Ansporn für unsere Stiftung, weiterhin Impulsgeber zu sein; wir alle dürfen nicht müde werden in unserem Engagement für Kinder. Die Stiftung Hänsel + Gretel ist der Meinung, dass nach 10 Jahren Arbeit im nationalen Kinderschutz unter vielfach veränderten europäischen Gegebenheiten der Zeitpunkt gekommen ist, über den nationalen Tellerrand hinauszuschauen. Es erscheint uns dringend erforderlich, eine Aufarbeitung der Lage und der Ziele des Kinderschutzes auf europäischer Ebene zu initiieren. Allein am Beispiel der Verfolgung der Nutzer von Kinderpornografie im Internet erweist sich die nationale Betrachtungsweise als nicht ausreichend. Wir fordern unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel auf, sich für eine Europäische Kinderschutzkonferenz einzusetzen.
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